Wenn Sie an Klettern in Frankreich denken — welcher Fels fällt Ihnen als erstes ein?
Fontainebleau für Boulderer. Céüse oder die Calanques für Sportkletterer. Vielleicht Chamonix für Alpinisten. Diese Namen kennt man. Sie stehen auf jeder Liste.
Der Jura? Eher selten. Und das ist, ehrlich gesagt, ungerecht.
Ich sage das aus eigener Erfahrung — denn auch ich hatte vor meiner ersten Fahrt dorthin kaum Erwartungen. Ich klettere seit Jahren in den Vogesen, auf dem vertrauten roten Sandstein rund um Straßburg. Als mich 2018 ein Kletterfreund zu einer Tour in den Jura einlud, sagte ich mehr aus Neugier als aus Überzeugung zu.
Dann habe ich den weißen Kalkstein angefasst — und sofort gewusst, dass ich wiederkomme.
Das Massif du Jura zieht sich entlang der französisch-schweizerischen Grenze 🇫🇷🇨🇭 und hat der geologischen Periode des Jura ihren Namen gegeben. Mit einem höchsten Punkt von rund 1.720 m ist es kein Hochgebirge. Aber das macht seinen Reiz aus: dichte Wälder, stille Flussschluchten, und weiße Kalkfelswände, die aus dem Grün herausleuchten wie aus einer anderen Zeit.
Sandstein und Kalkstein sind zwei völlig verschiedene Welten. Der Kalkstein des Jura ist präzise, anspruchsvoll, manchmal scharf — er verlangt Technik, Fingerkraft und Geduld. Wer auf Sandstein groß geworden ist, wird die Umstellung spüren. Und lieben.
Ich war 2019, 2020 und 2021 erneut dort. Dieser Bericht fasst zusammen, was ich in diesen vier Jahren gelernt und erlebt habe. Wenn Sie noch nie auf der französischen Seite des Jura geklettert sind, hoffe ich, Ihnen Lust darauf zu machen.
Jura oder Doubs? Eine geografische Klarstellung
Die französische Seite des Massif du Jura erstreckt sich über zwei Departements: den Doubs und den Jura. Das sorgt gelegentlich für Verwirrung — auch bei mir am Anfang. Sagen Sie einem Franzosen, Sie seien „im Jura" klettern gewesen, kommt oft die Gegenfrage: „Meinst du den Doubs?" 😄
Kletterführer
Für den Doubs: Escalade dans le Doubs (Ausgabe 2022)
Der Doubs bietet 42 Klettergebiete — lange Zeit durch verschiedene Einzelführer abgedeckt. Die Ausgabe 2022 bündelt sie erstmals in einem Band: unter anderem Sektoren im Loue-Tal, Rurey und Baume-les-Dames. Pflichtlektüre vor der Abreise.
⚠️ Der Führer ist auch im Tourismusbüro von Baume-les-Dames erhältlich (Stand: April 2019).
Für den Jura: Topo du Jura (Ausgabe 2020)
27 Gebiete und über 1.000 Routen in einem Band — darunter Crenans, Les Dalles du Marais und Mancy. Übersichtlich und vollständig.
Ausrüstung
Seil: 80 m — manche Routen überschreiten 35 m
Expressen: 16 Stück reichen für die meisten Routen
Umlenkung: Häufig mit Maillon rapide ausgestattet
Schwierigkeitsgrade und Klettercharakter
Die Bewertungen im Topo sind insgesamt verlässlich, die Absicherung solide. In einigen Bereichen — besonders in Rurey ab 7a — wirken die Routen etwas strenger als angegeben. Empfehlung für den ersten Besuch: Einstieg eine Stufe unter dem gewohnten Niveau, um den Fels kennenzulernen.
Der Fels ist durchgängig Kalkstein.
Klettersaison
Die besten Bedingungen herrschen im Frühjahr (April–Juni) und Herbst (September–November). Im Sommer ist es möglich, aber südseitige Wände werden mittags sehr heiß — frühe Starts sind dann unerlässlich.
Viele Kletterer der Region nutzen den Jura als Alternative, wenn die Alpen noch unter Schnee liegen. An einem klaren Herbsttag oder frühen Frühlingstag sind die Bedingungen — und die Landschaft — kaum zu übertreffen.
Gebiete, in denen ich geklettert bin
📍 Rund um Baume-les-Dames
Quint (#5)
Neun Sektoren entlang einer Flussschlucht, Südausrichtung. 179 Routen von 5a bis 9a, Schwerpunkt oberhalb 6c — ein Gebiet für Fortgeschrittene und erfahrene Kletterer.
Ich war zweimal dort (2019 und 2021) und habe jedes Mal dasselbe gedacht: Was für ein schöner Fels. Die Wandqualität ist hoch, der Blick auf den Fluss von oben beeindruckend, die Anfahrt aus der Stadt unkompliziert. Für mich persönlich das schönste Gebiet rund um Baume-les-Dames.
Der Topo empfiehlt ein 70-m-Seil und 18 Expressen — ich kam in den meisten Routen mit 14 Expressen gut aus.
Sous-Buen (#6)
Zwei Jahre in Folge (2019 und 2020) — das sagt eigentlich alles. Dreizehn Sektoren am Fluss, reiches Angebot im 5er und 6er Bereich (158 Routen insgesamt). Ideal für Einsteiger, Wiedereinsteiger und Familien: Der Zustieg vom Parkplatz ist flach und einfach, die Atmosphäre angenehm entspannt.
Einzelne Wände sind etwas verschmutzt, aber das Gesamtpaket überzeugt.
Hinweis: Quint und Sous-Buen decken sehr unterschiedliche Schwierigkeitsbereiche ab. Wenn Sie mit einem Partner klettern, der ein anderes Niveau hat, müssen Sie zwischen beiden Gebieten wechseln. Am besten mit jemandem ähnlichen Levels besuchen.
📍 Rund um Maisières-Notre-Dame
Rurey (#33)
Hoch über dem Fluss Loue, sieben Sektoren entlang einer bewaldeten Schlucht. Südausrichtung, weite Aussicht. Erschlossen 2012, gepflegt von der lokalen FFME.
Gestein: Kalkstein, von senkrechten Platten bis zu leichten Überhängen
Schwierigkeiten: 4c bis 8c, gleichmäßig auf 5–6, 7 und 8+ verteilt
Stil: Technisch, kleingriffig — Fingerkraft und Ausdauer gefragt
Ich war dreimal dort (August 2018, September 2018, April 2019). Jedes Mal dieselbe Erfahrung: Der Kalkstein ist scharf, die Haut braucht ein, zwei Tage zum Eingewöhnen. Manche Routen fühlen sich schwerer an als bewertet — besonders ab 7a. Mittagssonne im Sommer meiden; Frühjahr und Herbst sind ideal.
Und doch: Das Seil einzuhängen mit der Loue tief unter einem und der Schlucht ringsum — das ist ein Moment, den man nicht so schnell vergisst.
La Barmaud (#36)
Westausrichtung, im unteren Bereich angenehm schattig — auch an heißen Tagen. Einige Routen erreichen 35 m, ein 80-m-Seil ist sinnvoll. Geeignet für Einsteiger und alle, die lange, ruhige Routen in schöner Umgebung schätzen. Kein spektakulärer Fels — aber manchmal ist genau das das Richtige.
La Brême (#37)
Besonders empfehlenswert hier: der Sektor Les Chèvres — mein Tipp für Kletteranfänger und Fortgeschrittene, die längere Routen entdecken möchten. Ost- und Südausrichtung, Wandhöhen, die ein Seil über 70 m erfordern. Ein guter Ort, um die eigene Komfortzone in ruhigem Tempo zu erweitern.
📍 Südjura
Crenans
Klein, aber mit Charakter: 48 Routen bis 25 m Höhe, Westausrichtung. Bei meinem Besuch Mitte April lag der Hauptbereich noch nach 13:30 Uhr im Schatten — ein angenehmer Bonus. Jede Route hat ihre eigene Persönlichkeit; ein Gebiet, das bei Wiederholungsbesuchen immer mehr preisgibt.
In der Nähe lohnt sich ein Spaziergang am Lac de Vouglans.
Von Straßburg aus sind es vier Stunden Fahrt — für einen spontanen Wochenendausflug etwas weit. Aber wer in einer Stunde Entfernung wohnt, sollte sich das nicht entgehen lassen.
Unterkunft 🏡
La Maison Imparfaite (bei Baume-les-Dames)
5 Chemin du Tunnel, 25110 Fourbanne — Aufenthalt März 2019
Ein Gîte mit zwei Schlafzimmern (je 2–3 Einzelbetten) und gut ausgestatteter Küche. Das Besondere: Frische Eier von den Hühnern im Garten — kostenlos für die Gäste 🐔 Im Kühlschrank stehen lokale Weine und Bier bereit (kostenpflichtig). Eine Unterkunft, die sich sofort wie Zuhause anfühlt.
Die Eigentümer sind Deutsche und sprechen Deutsch, Französisch und Englisch — keine Sprachbarriere. Direktbuchung über die eigene Website ist günstiger als über Buchungsplattformen.
Ein Hinweis: Das Haus liegt in der Nähe einer Bahnstrecke. Gelegentlich ist ein Zug zu hören — kein großes Problem, aber gut zu wissen für Leichtschläfer.
Unterkunft in der Innenstadt (Baume-les-Dames)
3 Rue Principale — gebucht über Airbnb, Februar 2021
Geräumig und flexibel: Doppelbett, zwei Einzelbetten, Schlafsofa. Praktisch für Gruppen. Allerdings liegt die Unterkunft an einer belebten Hauptstraße, was etwas laut sein kann — und WLAN war während meines Aufenthalts nicht vorhanden. Wenn ich die Wahl habe: La Maison Imparfaite, ohne zu zögern.
Restaurant 🍷
La Finette – Taverne d'Arbois
22 Avenue Pasteur, 39600 Arbois
Jeder Jura-Trip endet bei mir gleich: mit dem Abendessen in der La Finette. Es ist inzwischen ein Ritual. Die Tür aufzumachen nach einer Woche am Fels, den Duft der Küche zu riechen, sich zu setzen — das fühlt sich an wie der perfekte Schlusspunkt einer gelungenen Reise.
Der Jura ist eine der großen Käse- und Weinregionen Frankreichs 🧀🍷, und La Finette macht dieser Tradition alle Ehre. Traditionell, unkompliziert, ehrlich gut. Der Patron nimmt sich Zeit, erklärt die Karte und empfiehlt den passenden Wein. Nach Klettertagen braucht man genau das.
Abschließende Gedanken
Der Jura ist kein weltbekanntes Klettergebiet. Man findet ihn nicht auf den großen „Must-do"-Listen — und das, ehrlich gesagt, ist ein Teil seines Reizes.
Was man findet: stille Schluchten, sauberer weißer Kalkstein und eine Vielfalt an Gebieten, die wirklich für alle Niveaus etwas bieten — vom Einsteiger bis zum erfahrenen Kletterer, der etwas abseits der ausgetretenen Pfade sucht. Ein Gebiet, das sich denen erschließt, die sich die Mühe machen, es zu entdecken.
Wer den Jura kennenlernen möchte: Fangen Sie mit Baume-les-Dames an. Gute Erreichbarkeit, solide Infrastruktur, Routen für alle Niveaus.
Wir sehen uns am Fels.
0コメント